Poetry Slam: „Deutschland, Du musst Dein Denken reformieren“ von Nemi El-Hassan


YouTube: Nemi El-Hassan bei „offen und bunt“ in Dresden (via Phänomeme)

Die 21-jährige Nemi El-Hassan am 26. Januar auf dem Dresdner Neumarkt über ihre Wut über Deutschland, Mutlosigkeit der Politik und warum vielleicht alles besser wird, wenn der Sommer kommt. Ein aktuelles Porträt über die Medizinstudentin hat „Die Welt“, hier das Tran­skript von ihrem Slam:

Angst. Angst, die Welt hat Angst, Deutschland hat Angst.
Drei Männer, eine Redaktion, ein Supermarkt. Eine Tat von kleiner Dauer und andauerndem Unrecht, genug um die Freiheit zu töten. Die Freiheit von Angst und die Freiheit für das Wort.
Kurz darauf: Internationales Echo, die Zeitungen voll.
Saudi-Arabien nennt es „Terror“, ausgerechnet dort wo sie das Wort mit Füßen Treten und Raif Badawi, einem Blogger, mit tausend Peitschenhieben sein Wort austrieben.
Europa du bist taub, wenn es um die Worte anderer geht. Europa, wo blieb deine Trauer um die Kinder von Peshawar, als sie das Wort zu lesen lernten und ihrer Eltern Schultern schmerzten unter ihren kleinen Särgen?
Aber Deutschland hat Angst, manchmal auch vor mir. Du musst dein Denken reformieren, Deutschland, weil wir alle im selben Boot sitzen und ich die Löcher stopfe, die ihre Gewehre in unser Bug rissen. Glaub mir Deutschland: Angst ist ein schlechter Berater. Angst löscht deine Liebe, von der ich wünscht sie bliebe, zwischen mir und dir und in diesen Tagen erst recht. Deutschland, ich hebe meinen Stift, gemeinsam mit dir.
Deutschland, ich schreibe heute Liebeslieder auf Altpapier und schenk sie dir. Über…
Städte voll von Kultursprachreligionsgewirr. Nachbarschaftstreffen mit Schwarzwälderkirsch und Baklava, bei denen alle Kinder deine sind. Egal ob Maximilian oder Fatima, sie spielen mit einer Hand Klavier und mit der anderen Sitar.
Weil das ihr aller Land ist, in dem sich neu und alt vermischen, in dem Grenzen verwischen, und “anders” sich nicht mehr Eigensinn oder fremd, sondern Bereicherung nennt.
Ein Ort, an dem das Wort: “Bildung” noch ernst genommen wird, und jedes deiner Kinder dessen Wirkung spürt. Weil du allen gleiche Chancen schenkst, keinen wegen seines Namens bedrängst. Weil du viel gibst und viel verlangst und um jeden Einzelnen in deiner Gesellschaft bangst. Ein Zuhause für alle, die schon lange hier sind und eins für jene, denen ihr anderes Zuhause auf ihren Wegen entrinnt. Das alles, mein liebes Deutschland, lebt bereits in dir. Es schlägt feine Wurzeln, und treibt die ersten Knospen. Alles, was noch fehlt, ist ein bisschen Sonne, ein bisschen Regen, und etwas Wind. Mach dir keine Sorgen Deutschland, denn ich hab gehört, der Sommer kommt.

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